Bei Nacht

Sie hing an dem alten Kram. In allen Ecken stapelte sie Briefe, Bilder, Erinnerungen. Vielleicht warf sie ihn nicht weg, weil sie vergaß. Ihr Hirn radierte Erlebnisse einfach aus. Nur im rechten Licht konnte man die Einkerbungen noch erahnen.

Seine Fingerspitzen zeichneten die Linien nach. “Wie war Deine Kindheit”, fragte er. Schön, dachte sie. Sie zögerte, bevor sie dem Automatismus nachgab, versuchte sich zu entsinnen. Seinetwillen. Die spärlichen Erinnerungen fielen der Zensur zu Opfer. Anders, sie formte die Worte in ihrem Mund, doch blieben ihre Lippen verschlossen, bis sie endlich entgegnete “Schön”. Wie zur Bekräftigung schob sie lässig nach “Bauernhof, Kühe und so.”

Gedankenverloren inhalierte sie den Rauch der Zigarette. Ihr flüchtiger Blick streifte ihn, doch sie blieb nicht da. Starrte in die Leere. Sanfter Nebel waberte in ihr. Ihre Muskeln spannten sich an. Entschlossen stieß sie den Rauch aus, zerdrückte den Stummel in der Untertasse und stand auf.

Auf dem Weg in die dunkle Küche, rief sie beiläufig “und Deine?”. Er räkelte sich auf dem Sofa. Dann erzählte er in seiner natürlich lauten, tiefen Stimme von Sonne, Bolzplatz und Kettcar fahren.

Kenne ich alles, dachte sie. All das habe ich auch erlebt, anders.

Ihre Erinnerungen zeigten den Bolzplatz und den gebrochenen Arm. Die Schaukel, die Tischtennisplatte und den Schlitten. Schürfwunden, Nasenbluten, 6 Stiche. Kleine Narben ließen sie das alles nicht vergessen.

Die frischen Wunden zeigten nichts. Bis die tiefen Gräben blasse Narben zeichneten, schützte sie sie vor der Welt. Sie fragte sich, ob dies das Vergessen machen.

Seine Worte wurden immer leiser, während sie in der Dunkelheit verschwand.

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