Tag 29: Zuhören

Beim Aufräumen fand ich sie in der dunklen Kiste, die lange nicht mehr angerührt wurde. Noch eingeschweißt, darauf wartend mit Leben gefüllt zu werden: Ein Viererpack Leerkassetten.

Mit einem Schmunzeln dachte ich an Zeiten zurück, da Sonntag nachmittags niemand das Wohnzimmer betreten durfte weil eines von uns drei Kindern eine Kassette überspielen wollte. Das war ein schweres Unterfangen: Die zu kopierende Kassette wurde in die Stereoanlage der Eltern (ein etwa ein Kubikmeter großes Ungetüm, dessen Plattenspieler wir nicht anrühren durften) eingelegt. Neben den Lautsprechern postierten wir unseren kleinen Kassettenrekorder mit der selten leeren, viel öfter doch zu überspielenden, Kassette. Noch schnell auf „Rec“ drücken und hoffen, dass sich alle an die beim Mittagessen abgesprochene Ruhe zwischen 14 und 15 Uhr hielten. Dann auf leisen Sohlen hinausschleichen, nicht husten, räuspern, atmen und schon gar nicht die Tür fest schließen.

Nun hieß es warten.

In der Zwischenzeit war nicht viel anzufangen, schließlich durfte man a) keinen Krach machen und b) musste man noch den Moment zum Kassette umdrehen abpassen. Sonst war es noch eine größere Plage herausfinden welches Lied wohl das letzte war, das aufgenommen wurde, wenn die andere Kassette noch 15 Minuten länger gelaufen war. Also hieß es: spulenspulenspulen. Möglichst ohne dass das Magnetband sich verhedderte oder gar gefressen wurde (kleiner Spaß am Rande: *klick*).
Währenddessen durfte man immerhin laut nachdenken, mit den Geschwistern streiten oder den genervten Eltern erklären, wie wichtig die ganze Angelegenheit sei, und sicher nicht mehr lange dauere – bis mit der neuen Seite das ganze Procedere von vorne losging.

Und dann hörte man sich eine Kassette an. Leichtes Rauschen, das Geräusch der sich drehenden Rädchen, hier ein Tapsen und dort aus der Ferne Kindergeschrei. Waren eben doch nicht alle so leise gewesen wie vereinbart.

* * *

Als wir dann älter wurden, überspielten wir nicht mehr die Kassetten aus der Bücherei sondern stellten auch gerne mal unsere DJ-Qualitäten unter Beweis: Wir nahmen die ersten rudimentären Mixtapes aus dem Radio aus. Und verfluchten jeden Moderator, der in den Song quatschte. Manche Lieder auf der Kassette erkannten wir später schon bevor sie begannen, einzig an dem Jingle, das bei der Aufnahme vom Radiosender noch reingerutscht war.

Irgendwann wurde es einfacher. Da nahm man nicht mehr aus dem Radio auf, oder überspielte Kassetten. Mit der CD konnte man alles viel professioneller auf Band bannen. Für Geschwister, Freunde, und irgendwann auch den Liebsten.

Das war eine andere Zeit, sage ich heute. Eine Zeit in der ich noch viel mehr zuhörte. Gespannt war, welches Lied wohl als nächstes kommen würde. Eine Zeit in der ich mir die Texte ganz genau anhörte, immer wieder vor und zurück spulte, aufschrieb und solange übersetzte, bis es Sinn ergab. Eine Zeit in der ich nach geheimen Liebesbotschaften suchte. Eine Zeit, in der ich nicht zu schätzen wusste, wie verdammt viel Arbeit ein Mixtape machte, das mir geschenkt wurde.

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